20 Jahre Selbstständigkeit – was man von außen nicht sieht

Am 12. Juni 2026 durfte ich auf 20 Jahre Selbstständigkeit zurückblicken. Zwei Jahrzehnte voller Entscheidungen, Herausforderungen, Erfolge, Rückschläge und Veränderungen.

20 Jahre, auf die ich stolz bin. Aber auch 20 Jahre, die mir unglaublich viel abverlangt haben.

Wer von außen auf ein Unternehmen schaut, sieht häufig das Ergebnis: einen etablierten Salon, ein tolles Team, zufriedene Kunden und vielleicht eine Unternehmerin, die scheinbar alles im Griff hat.

Was man nicht sieht, sind die vielen Stunden nach Feierabend. Die Sorgen und Entscheidungen, die niemand einem abnimmt. Die Zeit mit den eigenen Kindern, die man manchmal gern anders verbracht hätte. Und die Momente, in denen man sich einfach jemanden gewünscht hätte, der sagt: „Komm, ich helfe dir.“

Wenn das Leben andere Pläne hat

Ich habe mich vor 20 Jahren bewusst für die Selbstständigkeit entschieden. Für die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, meine Vorstellungen umzusetzen und etwas Eigenes aufzubauen.

Aber nicht jede Herausforderung, die mir auf diesem Weg begegnet ist, habe ich mir selbst ausgesucht.

Es gab Zeiten, in denen mein privates Leben alles andere als einfach war. Eine Trennung, die nicht nur emotional belastend war, sondern auch finanziell tiefe Spuren hinterlassen hat. Gleichzeitig Mutter zu sein, Verantwortung für die Kinder zu tragen und ein Unternehmen weiterzuführen, verlangt einem einiges ab.

In solchen Momenten hätte ich mir mehr familiären Rückhalt gewünscht. Nicht unbedingt jemanden, der meine Probleme löst. Sondern Menschen, die da sind, mitdenken und auch einmal ganz praktisch helfen.

Eine weitere prägende Zeit war die Corona-Pandemie. Plötzlich stand nicht mehr nur die Frage im Raum, wie sich mein Unternehmen weiterentwickelt, sondern zeitweise auch, wie es überhaupt weitergehen soll. Die Schließungen, die wirtschaftliche Unsicherheit und die Verantwortung für den eigenen Lebensunterhalt und das Unternehmen haben mir große Sorgen bereitet. Es gab Momente mit echten Existenzängsten.

Natürlich waren persönliche Kontakte damals zeitweise stark eingeschränkt. Aber Rückhalt bedeutet für mich mehr als persönliche Anwesenheit. Manchmal hätte schon das Gefühl geholfen, dass jemand meine Sorgen wirklich wahrnimmt und sich dafür interessiert, wie ich diese Zeit bewältige.

Auch damals habe ich mir von meiner Familie mehr Unterstützung gewünscht, als ich tatsächlich erfahren habe.

Irgendwie habe ich weitergemacht, Lösungen gesucht, Entscheidungen getroffen und mich Stück für Stück wieder herausgearbeitet. Nur weil jemand immer einen Weg findet, bedeutet das nicht, dass dieser Weg leicht war.

Eine Inspiration, mit der ich nicht gerechnet hatte

Im September war ich beim Inspire Me Event in Hannover. Eigentlich wollte ich mich dort fachlich inspirieren lassen, neue Ideen sammeln und die Begeisterung für meinen Beruf mitnehmen.

Doch neben all den fachlichen Eindrücken hat mich etwas ganz anderes beschäftigt: der Zusammenhalt, den ich rund um die Veranstaltung wahrgenommen habe. Menschen, die gemeinsam etwas auf die Beine stellen, sich gegenseitig unterstützen und ihre unterschiedlichen Stärken einbringen.

Wie viel davon tatsächlich familiär organisiert war, kann ich nicht beurteilen. Aber dieser Eindruck hat in mir eine Frage ausgelöst, die mich seitdem nicht mehr loslässt:

Wie viel leichter könnte der Weg in die Selbstständigkeit sein, wenn man eine Familie hinter sich hat, die nicht nur zuschaut, sondern mitträgt?

Erfolg ist nicht immer eine Einzelleistung

Wenn wir über erfolgreiche Unternehmer sprechen, reden wir häufig über Mut, Fleiß, Disziplin und Durchhaltevermögen. Aber wie oft sprechen wir über die Menschen im Hintergrund?

Über Großeltern, die sich um die Kinder kümmern, während die Eltern arbeiten. Über Geschwister, die bei einer Renovierung helfen. Über Familienmitglieder, die ihre beruflichen Fähigkeiten einbringen, Kontakte vermitteln oder einfach einspringen, wenn es notwendig ist.

Das alles hat einen Wert. Nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich. Wer auf solche Unterstützung zurückgreifen kann, hat möglicherweise mehr Zeit, weniger zusätzliche Kosten und manchmal auch weniger Sorgen.

Was mich besonders beeindruckt, ist, wenn gegenseitige Unterstützung innerhalb einer Familie ganz selbstverständlich gelebt wird. Wenn jeder seine eigenen Fähigkeiten einbringt, wenn man füreinander da ist und gemeinsam etwas schafft, ohne dass jede Hilfe eingefordert oder aufgerechnet werden muss.

Nicht jeder muss alles können. Aber jeder kann vielleicht etwas beitragen.

Und manchmal sind es gerade die kleinen, unscheinbaren Gesten, die für einen anderen Menschen einen großen Unterschied machen.

Wenn man gelernt hat, vieles allein zu schaffen

Ich möchte nicht behaupten, dass ich in diesen 20 Jahren vollkommen allein gewesen bin.

Mein Lebensgefährte ist mir eine wichtige emotionale Stütze. Jemand, auf den ich mich verlassen kann und der mir den Rücken freihält. Auch meine beste Freundin war in schwierigen Situationen immer wieder für mich da und hat versucht zu helfen, wo sie konnte. Dafür bin ich dankbar.

Aber ich habe auch erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der familiäre Rückhalt, den man sich gerade in schwierigen Lebensphasen wünscht, ausbleibt.

Wenn man Kinder großzieht, ein Unternehmen führt und versucht, allen gerecht zu werden, können schon kleine Gesten einen großen Unterschied machen: ein Nachmittag mit den Kindern, eine helfende Hand im Alltag oder jemand, der einfach einmal fragt, was gerade gebraucht wird.

Nicht, weil andere verpflichtet wären, das eigene Leben zu organisieren. Sondern weil Familie für mich auch bedeutet, füreinander da zu sein.

Vielleicht hätte ich mit mehr Unterstützung manches schneller erreicht. Vielleicht wäre manches wirtschaftlich leichter gewesen. Vielleicht hätte ich aber auch einfach mehr Zeit gehabt, um zwischendurch durchzuatmen. Das lässt sich im Nachhinein nicht beantworten.

Was ich aber weiß: Ich hätte mir diesen Rückhalt an vielen Stellen meines Lebens gewünscht.

Wenn man irgendwann merkt, dass man selbst auch eine Pause braucht

Nach 20 Jahren Selbstständigkeit merke ich heute mehr denn je, dass auch die eigene Kraft nicht unendlich ist.

Ich liebe meinen Beruf, meinen Salon und das, was ich über all die Jahre aufgebaut habe. Ich habe ein großartiges Team, auf das ich mich fachlich verlassen kann, und bin dankbar für die Möglichkeiten, die mir meine Selbstständigkeit bietet.

Aber hinter einem Unternehmen steckt so viel mehr als das, was Kunden täglich sehen.

Ich bin nicht nur Friseurmeisterin und Saloninhaberin. Ich bin Arbeitgeberin, Ausbilderin, Organisatorin, kümmere mich um Buchhaltung, Marketing, Social Media und die Website. Mit meiner zweiten Marke JOURÉ habe ich mir einen weiteren Traum erfüllt, der ebenfalls Zeit, Kreativität und Verantwortung braucht.

Und dann gibt es natürlich noch das Leben außerhalb der Arbeit. Ich bin Mutter, Partnerin, habe zwei Kinder zu Hause und einen Hund. Und irgendwo dazwischen bin ja auch noch ich.

Zu unserem Familienalltag gehören Termine, Schule, familiäre Verpflichtungen und die vielen kleinen Dinge, die jemand im Blick behalten muss. Diese organisatorische Rolle übernehme häufig ich. Mein Lebensgefährte nimmt mir zugleich sehr viel ab: Er kümmert sich um das Einkaufen, das Kochen und viele handwerkliche Aufgaben. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Wir teilen uns die Aufgaben, und trotzdem bleibt die private Organisation eine zusätzliche Verantwortung neben meiner Selbstständigkeit.

Manchmal habe ich darüber nachgedacht, ob es Männer in der Selbstständigkeit leichter haben, wenn ihnen zu Hause eine Partnerin den Rücken freihält. Pauschal lässt sich das natürlich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt, dass es einen Unterschied macht, ob man neben einem Unternehmen auch einen großen Teil der familiären Organisation trägt – unabhängig davon, ob man Frau oder Mann ist.

Würde ich mich noch einmal selbstständig machen?

Wenn mich früher jemand gefragt hat, ob ich mich noch einmal selbstständig machen würde, habe ich oft ganz klar mit Nein geantwortet. Nicht, weil ich meinen Beruf nicht liebe oder auf das Erreichte nicht stolz wäre. Sondern weil Selbstständigkeit unglaublich viel abverlangt – und man vorher zum Glück oft gar nicht weiß, wie viel.

Fast 30 Jahre arbeite ich inzwischen in meinem Beruf. Abgesehen von einem Jahr Elternzeit mit meinem ältesten Sohn habe ich gefühlt immer Gas gegeben. Ich frage mich heute manchmal selbst, wie ich die Jahre mit kleinen Kindern und einem eigenen Unternehmen geschafft habe.

Heute sind meine Kinder größer. Eigentlich könnte ich jetzt beruflich noch einmal mehr Gas geben, weil sie mich nicht mehr so brauchen wie früher. Doch ich merke genau das Gegenteil: Die Energie, noch mehr zu arbeiten, habe ich gerade nicht. Und ich möchte die Zeit, die langsam wieder frei wird, nicht automatisch mit neuen beruflichen Aufgaben füllen.

Ob ich mich mit allem Wissen von heute noch einmal genauso entscheiden würde, kann ich nicht einfach beantworten. Sicher ist nur: Ich würde früher darauf achten wollen, dass neben der Arbeit auch für mich und die wichtigsten Menschen in meinem Leben genug Platz bleibt.

Manchmal habe ich das Gefühl, überall gleichzeitig gebraucht zu werden und trotzdem nicht allem gerecht werden zu können.

Deshalb versuche ich inzwischen ganz bewusst, meine praktische Arbeit im Salon auf drei Tage in der Woche zu reduzieren. Nicht, weil mir mein Beruf weniger Freude macht, sondern weil ich wieder mehr Raum für all die anderen Aufgaben und vielleicht irgendwann auch etwas mehr Zeit für mich selbst schaffen möchte.

Doch auch das gelingt nicht immer. Denn nur weil ich nicht im Salon stehe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht arbeite. Die Tage außerhalb des Salons sind keine freien Tage: Montags und freitags versuche ich, die vielen administrativen Aufgaben zu erledigen – von Buchhaltung und Personalorganisation bis zu Marketing und Website. Und zwischendurch müssen auch private Termine, etwa beim Arzt, ihren Platz finden.

Mein eigentliches Ziel ist, endlich wieder Wochenenden zu haben, die sich auch wie Wochenenden anfühlen. Nicht samstags und sonntags noch stundenlang vor dem Rechner sitzen oder gedanklich ständig bei der nächsten Aufgabe sein. Sondern Zeit mit meinem Lebensgefährten und meinen Kindern verbringen können, ohne das Gefühl, von Montag bis Sonntag rund um die Uhr arbeiten zu müssen. Ich bin noch dabei, diesen Weg zu finden – aber genau dafür versuche ich, meinen Alltag neu zu organisieren.

Wie viel Kraft auch die schönen zusätzlichen Chancen kosten, ist mir in letzter Zeit besonders bewusst geworden. Im vergangenen Jahr haben wir bei Shopping Queen mitgemacht. Das war eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Gleichzeitig habe ich schon damals gemerkt, wie viel zusätzliche Energie ein solches Projekt von mir verlangt.

Vor Kurzem erreichte mich wieder eine Fernsehanfrage, diesmal zum Thema Haarprobleme in den Wechseljahren. Ein Thema aus meinem beruflichen Alltag, zu dem ich gern meine Erfahrungen geteilt hätte. Ich weiß, dass so ein Auftritt eine großartige Chance sein kann. Trotzdem habe ich abgesagt.

Nicht, weil mich das Thema nicht interessiert oder ich keine Ziele mehr habe. Sondern weil ich gerade nicht mehr die Energie dafür aufbringen kann. Was an Kraft übrig bleibt, möchte ich nicht immer in die nächste berufliche Möglichkeit investieren. Ich brauche sie auch für meine Kinder, meinen Lebensgefährten und mich selbst.

Vielleicht ist das gerade eine meiner schwierigsten Aufgaben: zu akzeptieren, dass nicht jede Chance genutzt werden muss, nur weil sie sich bietet.

Man kann etwas mit ganzem Herzen lieben und trotzdem manchmal eine Pause davon brauchen.

Und vielleicht versteht man gerade dann besonders gut, welchen Unterschied es macht, wenn Menschen hinter einem stehen, die nicht nur sagen „Du schaffst das schon“, sondern auch einmal fragen: „Was kann ich dir abnehmen?“

Was ich aus 20 Jahren mitnehme

Heute blicke ich auf einen Salon zurück, den ich mit viel Leidenschaft aufgebaut habe. Auf ein Team, auf das ich stolz bin. Auf viele wunderbare Kunden und auf eine zweite Marke, JOURÉ, mit der ich noch einmal etwas Neues gewagt habe.

Ich schätze die Freiheit der Selbstständigkeit. Aber ich weiß auch, wie viel Verantwortung, Verzicht und Kraft hinter dieser Freiheit stecken können.

Und ich habe gelernt, dass Unterstützung nicht immer dort herkommt, wo man sie erwartet.

Vielleicht ist genau deshalb mein Wunsch für die Zukunft, Zusammenhalt selbst bewusst anders zu leben. Für meine Kinder, für eine mögliche nächste Generation und für die Menschen, die mir wichtig sind.

Nicht alles muss selbstverständlich sein. Aber manchmal dürfen wir wieder selbstverständlicher füreinander da sein.

Erfolg ist nicht nur eine Frage dessen, was ein Mensch allein leisten kann. Sondern manchmal auch dessen, wie viel er nicht allein tragen muss.

Und vielleicht sollten wir viel häufiger fragen, was wir füreinander tun können, statt nur zu bewundern, was jemand allein geschafft hat.

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